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9.November:”Schicksalstag” der Deutschen (2)

Dieser Beitrag widmet sich dem 9. November, dem “Schicksalstag der Deutschen”.

Nachdem ich mich im Ersten Beitrag zu diesem Thema mit der Ausrufung der Republik 1918, sowie mit dem Hitler-Ludendorff-Putsch befasst habe, wende ich mich nun den Novemberpogromen des Jahres 1938, sowie dem Attentat von Georg Elser aus dem Jahr 1939 zu.

Es ist nur ein Tag im Jahr, und noch dazu nichteinmal ein Feiertag in Deutschland: der 9. November. Dennoch ist dieser Tag vor allem für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Genau an diesem einen Tag passierten so viele wichtige Ereignisse. Doch warum fallen diese Ereignisse – positiv wie auch negativ – auf dieses Datum? Tatsächlich scheinen sie auf den ersten Blick relativ wenig miteinander zu tun zu haben. Bei genauerer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass sie sehr wohl in einem engen Zusammenhang stehen.

Novemberpogrome 1938

Die Novemberpogrome, auch Reichspogrome genannt, fanden am 9. und 10. November des Jahres 1938 statt und richteten sich gegen die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich. Zu den genauen Ursachen und dem Ablauf der Pogrome im weiteren Verlauf mehr, zunächst möchte ich jedoch auf das Datum zu sprechen kommen. Denn auch dieses ist nicht zufällig gewählt. Anlässlich des 15. Jahrestags des gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsches hielt der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels (nach Absprache mit Hitler) eine Hetzrede, die die bereits vorher angespannte Situation im Reich eskalieren ließ. Die Folge waren landesweite Ausschreitungen gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Form von Zerstörung von Geschäften, Gewaltverbrechen bis hin zu Morden, Raub und viele Weitere.

Doch wie kam es überhaupt zu solch schrecklichen Ausschreitungen?

Hintergründe

Seit der Machtübernahme durch die NSDAP wurde eine gezielte Zurückdrängung der jüdischen Bevölkerung des Deutschen Reichs forciert. Dies stützte sich auf zahlreiche Gesetze (bspw. die Nürnberger Rassengesetze) und Propagandaaktionen, auf die ich aber im Rahmen dieses Beitrags nicht genauer eingehen werde. Im Vorfeld der Novemberpogrome kam es außerdem bereits zu gewalttätigen Ausschreitungen, welche jedoch nicht im Ansatz das Ausmaß erreichten, wie die Pogrome im November 1938.

Auslöser

Der letztendliche Auslöser war das Attentat des polnischen Juden Herschel Grynszpan auf ein Mitglied der Deutschen Botschaft in Paris. Die NSDAP Führung nutzte dieses Attentat jedoch als Vorwand, um die ohnehin bereits angespannte Situation im Reich zu entfesseln und zu landesweiten Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung aufzurufen. Zwar bemerkte Goebbels in seiner Rede, dass die Partei antijüdische Ausschreitungen weder Unterstützen, noch verurteilen werde, was faktisch aber eine reine Lüge war. Quasi zeitgleich zu Goebbels´ Hetzrede gingen zahlreiche Befehle an die Sturmabteilung (SA), welche die Ausschreitungen kontrollieren sollten. Hier ein Auszug aus dem Befehl Reinhard Heydrichs an die Staatspolizeidienststellen:

1.)

a) Es dürfen nur solche Maßnahmen getroffen werden, die keine Gefährdung deutschen Lebens oder Eigentums mit sich bringen (zB. Synagogenbrände nur, wenn keine Brandgefahr für die Umgebung ist).

b) Geschäfte und Wohnungen von Juden dürfen nur zerstört, nicht geplündert werden. Die Polizei ist angewiesen, die Durchführung dieser Anordnung zu überwachen und Plünderer festzunehmen.

c) In Geschäftstraßen ist besonders darauf zu achten, daß nicht jüdische Geschäfte unbedingt gegen Schäden gesichert.

⇒ Das Ganze Protokoll finden Sie unter: www.ns-archiv.de/verfolgung/pogrom/heydrich.php (04.12.2019)

Auffällig ist vor allem, dass sog. deutsches Eigentum unbedingt geschützt werden soll, wohingegen jüdisches Eigentum der Wut der Massen freigegeben wird. In anderen Befehlen heißt es explizit, die SA solle sich auch selbst an den Pogromen beteiligen, und etwa Synagogen anzünden.

Die Pogrome & ihre Folgen

Zerstörungen in einem Kaufhaus in München (CC BY-SA 3.0, Bundesarchiv)

Im Rahmen dieser Entfesselung roher, barbarischer Gewalt kamen laut Schätzungen ca. 1300 Menschen ums Leben. Mehr als 7.000 Geschäfte jüdischer Besitzer wurden zerstört. Hunderte Synagogen wurden angezündet, und zahlreiche Wohnungen verwüstet. Dabei kam es in vielen Fällen auch zu Plünderungen und anderweitigen Verbrechen. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass anfänglich nur Mitglieder der SA, Feuerwehren, etc. an diesen Pogromen beteiligt waren. Erst im Verlauf der Nacht auf den 10. November beteiligte sich die Zivilbevölkerung zunehmend an diesen Verbrechen. Ihre Gründe waren wahrscheinlich Habgier, Angst vor den “fremden” Juden, und nicht zuletzt auch Gruppenopportunismus.

Die Folgen waren dramatisch. Viele Juden versuchten nach den Novemberpogromen noch aus dem Deutschen Reich zu fliehen. Insgesamt wurden während der Ausschreitungen ungefähr 26.000 Männer in Konzentrationslager verschleppt, wobei viele von ihnen in Folge von körperlichen und psychischen Schikanen umkam. Andere kamen wieder frei, doch erst, nachdem sie einen Eigentumsverzicht oder eine Auswanderungserklärung unterzeichnet hatten. Nach den Novemberpogromen wurden fast sämtliche jüdische Organisationen verboten, Juden durften quasi nicht mehr arbeiten und waren dadurch jeglicher Existenzgrundlage beraubt.

Das Georg Elser Attentat

Es war eines von vielen Attentaten auf Adolf Hitler und ereignete sich am Abend des 8. Novembers 1939, also bereits nach Beginn des Zweiten Weltkriegs. Aufgrund eines unglücklichen Zufalls scheiterte es, denn Hitler reiste bereits früher als geplant ab. Georg Elser wurde gefasst, im KZ Sachsenhausen inhaftiert und schließlich nur einen Monat vor Kriegsende im KZ Dachau ermordet.

Hintergründe

Georg Elser, 1939

Georg Elser war bereits früher Gegner des Nationalsozialismus. Der in Württemberg geborene Kunstschreiner engagierte sich im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und war beispielsweise Mitglied im Roten Frontkämpferbund, ein paramilitärischer Wehrverband der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Spätestens seit dem Münchner Abkommen vom 29. September 1938 dürfte für Elser klar gewesen sein, dass das NS-Regime unter Adolf Hitler nicht mit normalen politischen Mitteln zu beseitigen wäre. Der genaue Prozess im Inneren Elsers, der zu dem Entschluss eines Attentats geführt hat, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Im Zuge seines Verhörs gab er am 21. November 1039 folgendes zu Protokoll:

“Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser 3 Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden”

Vorbereitung

Wie auch dieser Auszug aus dem Verhörprotokoll zeigt, fasst Georg Elser den Entschluss, ein Attentat auf die Führungsebene des NS-Regimes zu verüben. Als Datum wählt er die alljährliche stattfindende Rede Adolf Hitlers anlässlich des Hitler-Ludendorff-Putsches im Münchener Bürgerbräukeller. In Insgesamt 30 Nächten, in denen er sich nach Geschäftsschluss einschließen ließ, höhlte er in äußerst mühsamer Weise eine Säule direkt hinter dem Rednerpult aus, um dort eine per Zeitzünder ausgelöste Bombe zu platzieren. Für den genauen Zeitpunkt der Explosion orientierte er sich an den Reden Hitlers der vergangenen Jahre. Um 21:20 Uhr des 8. Novembers sollte die Bombe explodieren, also mitten während der Rede Hitlers. Zu diesem Zeitpunkt wollte Georg Elser sich bereits auf dem Weg in die Schweiz befinden.

 

Das Attentat

Der Bürgerbräukeller nach dem Attentat (CC BY-SA 3.0, Bundesarchiv)

Die Bombe explodierte auch zur exakt vorgesehenen Zeit und zeigt volle Wirkung: 8 Personen, die sich in unmittelbarer Nähe zum Rednerpult befanden, starben, die gesamte Saaldecke des Bürgerbräukellers stürzte ein und ca. 60 Personen wurden verletzt. Adolf Hitler oder andere Parteiführer waren allerdings nicht dabei, weder unter den Toten, noch unter den Verletzten. Dieser hatte den Versammlungsort nämlich bereits um 21:07 Uhr verlassen. Der Grund: wegen Nebels war sein Flug ausgefallen, und so musste er den Zug nach Berlin nehmen, weswegen er den Bürgerbräukeller bereits früher als geplant verließ. Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, was der Welt erspart geblieben wäre, wenn dieses Attentat geglückt wäre.

Georg Elser wurde auf seinem Weg in die Schweiz in Konstanz am Bodensee verhaftet. Zunächst wusste man noch nichts von dem Attentat, denn Elser wurde bereits eine halbe Stunde vor der Explosion der Bombe festgenommen. Er war den Grenzbeamten verdächtig vorgekommen, da seine Grenzübertrittskarte abgelaufen war. Außerdem stellten die Beamten bei genauerer Untersuchung fest, dass Elser einen Plan des Bürgerbräukellers, sowie den Teil eines Zeitzünders mit sich führte. Während seines Verhörs erreichte dann die Nachricht des Bombenanschlags die Polizeizentrale in Konstanz und die Beamten hatten Elser schnell im Verdacht, dafür verantwortlich zu sein.

Nach einem Geständnis – teils unter Folter – wurde er als “Sondergefangener” in verschiedenen Lagern und Gefängnissen inhaftiert. Am 9. April 1945 tötete ihn dann ein Mitglied der SS im KZ Dachau durch einen Genickschuss. Seine Leiche wurde im Krematorium verbrannt.

 

Nachwirkungen

Da Elser Mitglied des Roten Frontkämpferbundes war, suchten die Polizeibehörden fieberhaft nach Hintermännern des Attentats. Die NS-Führung vermutete den Britischen Geheimdienst als Fädenzieher dieses Attentats, was sich jedoch als falsch herausstellte. Die Polizei war jedoch davon überzeugt, Elser hätte nicht die Fähigkeiten gehabt, eine solche Bombe allein zu konstruieren. Daraufhin forderte Elser die Beamten auf, ihn die Bombe erneut bauen zu lassen – was ihm auch gelang. Somit galt eine Einzeltäterschaft Elsers als erwiesen. Die Frage der Einzeltäterschaft Elsers gilt auch in der heutigen historischen Forschung weiterhin als umstritten, es wird jedoch davon ausgegangen, dass Elser Hilfe hatte.

⇒ Passende Literatur zu diesem Thema: Am 9. November: Innenansicht eines Jahrhunderts*

 

Abschließendes

Wie man in den beiden Beiträgen zum 9. November, dem “Schicksalstag” der Deutschen gesehen hat, standen vieler dieser Ereignisse in Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Dennoch gab es weitere zentrale Ereignisse deutscher Geschichte an diesem Tag, wie den 9. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel und den Weg für die Deutsche Wiedervereinigung ebnete.


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