1816: Das Jahr ohne Sommer

Folgender Beitrag beschäftigt sich mit dem Katastrophenjahr 1816. Der dramatische Temperatureinbruch entstand in Folge des Ausbruchs des Vulkans Tambora (Indonesien) ein Jahr zuvor. Er löste Missernten, Hungersnöte, Preissteigerungen, aber auch Überschwemmungen aus.

Ausgangslage in Europa

Es ist der Februar des Jahres 1815. Der auf die Mittelmeerinsel Elba verbannte, ehemalige Kaiser Frankreichs Napoleon Bonaparte beginnt seine Flucht in Richtung Paris, um seine Herrschaft erneut aufzubauen. Die “Herrschaft der 100 Tage” beginnt. Währenddessen findet in Wien die Neuordnung Europas statt, der Wiener Kongress. Als die europäischen Mächte – vor allem das Vereinigte Königreich, Russland, Österreich und Preußen – von der Flucht Napoleons und seinem Marsch Richtung Paris erfahren, beschließen sie die Mobilmachung.

Am 9. Juni 1815 wird die Kongressakte des Wiener Kongresses unterzeichnet, und die Neuordnung Europas nach den Koalitionskriegen ist beschlossen. Am 18. Juni findet schließlich die endgültige Entscheidungsschlacht bei Waterloo (Belgien) statt. Napoleon wird endgültig geschlagen und erneut verbannt, dieses Mal jedoch auf die Insel St. Helena im Südatlantik, wo er am 5. Mai 1821 stirbt. In Europa herrscht Frieden, doch der Krieg hat viele Todesopfer gefordert. Schon bahnt sich die nächste Katastrophe an, die Elend und Hunger über die Bevölkerung Europas und Nordamerikas bringen wird: Das Jahr ohne Sommer.

Ausbruch des Tambora

Quelle: picture-alliance/ dpa-Grafik

Während sich Napoleon im Frühjahr des Jahres 1815 zurück an die Macht kämpft, bricht am 5. April 1815 in Indonesien der Vulkan Tambora aus. In den Tagen darauf folgen weitere Eruptionen. Insgesamt sterben circa 10.000 Menschen am Ausbruch, an den Folgen weitere 100.000. Dieser Ausbruch übertrifft sogar den des Vesuvs aus dem Jahr 79 n. Chr. und ist mit der geschätzten Stärke 7 des Vulkanexplosivitätsindex (VEI) der stärkste Ausbruch in geschichtlicher Zeit. Die Energiefreisetzung entspricht circa 30.000 Megatonnen TNT und lässt den Vulkan von ungefähr 4300 Metern auf eine Höhe von 2800 Metern schrumpfen. Durch den Ausbruch werden circa 140 Milliarden Tonnen Gestein ausgeworfen und zu einem großen Teil in die Atmosphäre geschleudert. In einem Umkreis von 600 Kilometern um den Vulkan herum verdunkelt sich der Himmel für zwei Tage fast vollständig. Die Asche- und Staubteilchen verteilen sich über den Rest der Welt.

“Achtzehnhundertunderfroren”

Situation

Das Folgejahr 1816 war das Kälteste in Europa seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Grund hierfür war der vulkanische Winter, der durch die Asche- und Schwefelanlagerungen in der Atmosphäre entstand, die durch den Ausbruch des  Tambora dorthin gelangten. Im Jahr 1816 war die Jahresdurchschnittstemperatur in Deutschland um 2 Grad Celsius niedriger, als das Mittel der Durchschnittstemperaturen zwischen 1970-2000 (9,7 Grad Celsius). Also lag die Temperatur im Jahr 1816 durchschnittlich bei 7,7 Grad Celsius. Dieser Temperatursturz führte zu Nachtfrostperioden im Juli und August. In Teilen Europas, sowie in den USA und Kanada schneite es während dieses Sommers.

Direkte Folgen

Die Folgen für die betroffenen Menschen waren verheerend. Durch die widrigen Witterungsverhältnisse kam es zu massiven Ernteeinbußen, welche im Jahr 1817 große Hungersnöte auslöste, denn die Folgen des Ausbruchs waren noch bis in das Jahr 1819 deutlich spürbar, während gleichzeitig im Jahr 1816 sämtliche Reserven aufgebraucht wurden. Aufgrund des Mangels an Getreide setzte ab 1817 eine massive Preissteigerung für Getreide ein. Die Preise stiegen um das Anderthalbfache des Niveaus von 1815. In Europa waren besonders die Regionen nördlich der Alpen betroffen, da dort selbst in günstigen Zeiten nicht effizient Getreide angebaut werden konnte. Die Preise in diesen Gebieten stiegen um das Dreifache des Niveaus von 1815 und lösten großen Hunger aus. Zu der ohnehin schon prekären Lage kamen 1816 noch zahlreiche Überschwemmungen, bedingt durch den gesteigerten Niederschlag, hinzu. Siedlungen und Felder wurden zerstört und hungernde, ihrer Existenz beraubte Menschen, zogen auf der Suche nach einem Unterschlupf und Nahrung umher.

Indirekte Folgen

Viele Menschen waren zusätzlich zu dem Temperatureinbruch noch gebeutelt von den Napoleonischen Kriegen, und so setzte eine Auswanderungsbewegung nach Amerika (aber auch zum Beispiel nach Südrussland) ein, da sich Viele dort ein besseres, entbehrungsfreieres Leben erhofften. Jedoch gab es auch “positive” Folgen der Katastrophenjahre 1816/17. In weiten Teilen des Deutschen Bundes trafen die Staatsführer verschiedene Maßnahmen zur Förderung der Landwirtschaft, um für solche Situationen in der Zukunft gewappnet zu sein. Die landwirtschaftliche Forschung wurde in den Folgejahren vorangetrieben. So entwickelte der Chemiker Justus von Liebig im Jahr 1840 einen Mineraldünger, der die Erträge enorm steigen ließ.

“Flint Castle” von Joseph M.W. Turner, 1838

Während der folgenden Jahrzehnte ließ sich eine Veränderung des Tageslichts feststellen. Durch die Vielzahl an Staubpartikeln kamen vor allem langwellige Lichtwellen auf der Erde an. Das Ergebnis waren die “biedermeierlichen” Sonnenuntergänge, die in den verschiedensten Farbtönen wie Rot, Orange und Violett, gelegentlich aber auch in Blau- und Grüntönen erstrahlten und auf zahlreichen Gemälden verewigt wurden.

Insgesamt waren – wie in diesem Beitrag gesehen – die Jahre um 1815 keine besonders friedlichen und lebenswerten Jahre, denn direkt nach dem Ende der Napoleonischen Kriege folgte schon die nächste Katastrophe. Ab 1820 wurde es dann wieder ruhiger , doch das nächste Ereignis bahnte sich bereits an: die Revolution von 1848, und von 1864-1871 die Deutschen Einigungskriege.


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