Erbkrankheiten des Hochadels: Die Habsburger

Dieser Beitrag widmet sich den Habsburgern als Teil des europäischen Hochadels, insbesondere den weit verbreiteten Erbkrankheiten. Diese traten durch Inzucht im Laufe des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit hervor. Grund hierfür war, dass Adelige sehr oft innerhalb der eigenen Familie, beziehungsweise innerhalb des Hochadels heirateten, um das adelige Blut “rein” zu halten.

Grundlegendes

Als im Spätmittelalter einige große Adelsgeschlechter in Europa – wie die Habsburger – hervortraten, war es üblich, innerhalb des Hochadels zu heiraten. Da es jedoch innerhalb dieser Gesellschaftsschicht – logischerweise – nur eine begrenzte Anzahl an möglichen Ehepartnern gab, heirateten die Familien oft untereinander. In den Stammbäumen oft zu finden ist die Heirat zwischen Cousins und Cousinen, beispielsweise zwischen Elizabeth (“Sisi”) von Bayern und Franz Joseph aus dem Haus Österreich (wie sich das Haus Habsburg nach dem Aussterben der männlichen Linie zur Zeit Maria Theresias Anfang des 18. Jh. nun nannte).

Natürlich gibt es auch in der heutigen Zeit noch Hochzeiten zwischen Verwandten, in Deutschland jedoch maximal zwischen Cousins und Cousinen. Des Weiteren ist heutzutage eine Hochzeit unter näheren Verwandten relativ selten. Wenn man aber über Jahrhunderte hinweg immer wieder innerhalb dieser nahen Verwandtschaft heiratet und sich fortpflanzt, hat dies unweigerliche Folgen auf die Gesundheit der Nachkommen in Form von Erbkrankheiten und Degenerationserscheinungen.

Genetischer Hintergrund

Die meisten Erbkrankheiten werden rezessiv vererbt. Das heißt: wenn ein Elternteil eine Erbanlage mit einer Erbkrankheit besitzt, der Andere aber nicht, setzt sich immer das dominante, gesunde Gen durch. So ist gewährleistet, dass der Nachkomme genetisch gesund ist. Sind jedoch nun beide Elternteile mit einer Anlage für eine Erbkrankheit ausgestattet, wird diese auf den Nachkommen übertragen, weil kein dominant-gesundes Gen vorhanden ist.

Der Inzuchtskoeffizient ist ein mathematischer Ausdruck für das Risiko, dass eine Erbkrankheit an die Nachkommen weitergegeben wird. Bei nicht blutsverwandten Paaren liegt dieser bei 3%. Besteht jedoch eine (engere) Verwandtschaft zwischen beiden Elternteilen, erhöht sich dieser. Einer Studie aus dem Jahr 2008 – unter der Leitung des Genetikers Gonzalo Alvarez – zufolge lag dieser Inzuchtskoeffizient in der Familie der Habsburger gegen Ende der Dynastie für einige Mitglieder bei 0,20. Dies entspricht einem 20 prozentigen Risiko, dass die Nachkommen verwandter Paare aus dem Haus Habsburg von Erbkrankheiten betroffen sind. Anders ausgedrückt: Eines aus fünf Kindern solcher Adeligen war statistisch gesehen genetisch krank.

Erbkrankheiten im Hause Habsburg

Karl II. von Spanien (Gemälde von Juan Carreno de Miranda, ca. 1685)
Karl V. (Gemälde von Christoph Amberger, um 1532)

Hierbei handelt es sich um eines der wohl wichtigsten und einflussreichsten Adelshäuser Europas im Spätmittelalter und der Neuzeit. Dies lag an vielen Dingen, wie geschicktem politischen Agieren und Reichtum, jedenfalls nicht an der enormen Schönheit ihrer Mitglieder, denn: Viele von ihnen litten unter einer Erbkrankheit, dem sogenannten “Habsburgerkinn”. Hierbei handelt es sich um einen massiven Unterbiss, bei dem das Kinn sehr weit vorsteht. Durch das Fehlen neuer Gene und Erbinformationen – bedingt durch die Verwandtenheirat – konnte sich diese Erbkrankheit über die Jahrhunderte enorm verstärken und Angehörige des Hauses Habsburg völlig entstellen.

Neben der “Habsburger Unterlippe” waren einige Habsburger auch unfruchtbar, was jedoch für viele europäische Adelige galt.

Karl II. von Spanien

Der letzte habsburgische König Spaniens, Karl II., war durch diesen enormen Unterbiss derart eingeschränkt, dass er bereits in jungen Jahren stark sabberte. Durch seine enorm große Zunge – eine Begleiterscheinung des Unterbisses – sprach er sehr undeutlich und war schwer zu verstehen. Auch war er wohl unfruchtbar und starb bereits relativ früh mit nur 39 Jahren im Jahr 1700. (Das Fehlen eines Thronfolgers löste den Spanischen Erbfolgekrieg aus). Eine Ahnin Karls II. (Johanna von Kastilien) kam durch die vielfachen verwandtschaftlichen Eheschließungen ganze 14! mal in dessen Stammbaum vor. Laut einer Studie von 2013 war Karl II. von Spanien genetisch eintöniger als ein Kind, das von zwei direkten Geschwistern gezeugt worden wäre. Dadurch wird Karl II. quasi zum Paradebeispiel der Inzucht in der Habsburgermonarchie. Hierbei muss man jedoch anmerken, dass bei sehr vielen Angehörigen (auch weibliche Angehörige) des Hauses Habsburg solche Erscheinungen zutage kamen.

Rückgang der Degenerationserscheinung

Ab dem 18. Jahrhundert verringerten sich diese Erbkrankheiten in der Familie der Habsburger zunehmend, da die Verwandtenheirat seltener praktiziert wurde. Beim letzten Kaiser, Karl I. (welcher im Jahr 1918 durch seine Verzichtserklärung sozusagen abdankte), war die Habsburger Lippe bereits stark zurückgegangen. Bei heutigen Nachkommen der Habsburger, wie dem ehemalige König Spaniens, Juan Carlos I., ist dieses ausgeprägte Kinn nur noch im Ansatz erkennbar.


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