Heimatvertriebene aus dem Sudetenland

Dieser Artikel widmet sich der Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus den Ostgebieten nach Kriegsende 1945. Zu diesen Gebieten gehörten hauptsächlich Westpreußen, Ostpreußen, Schlesien, sowie Teile Böhmens, insbesondere das Sudetenland.

Allgemeines und persönlicher Bezug zu dieser Thematik

Leider gibt es aufgrund der chaotischen Zustände unmittelbar nach Kriegsende keine ganz eindeutigen Zahlen. Man geht jedoch davon aus, dass im Zeitraum zwischen 1944 und 1948 circa 12 Millionen Menschen, die östlich der Oder-Neiße-Grenze lebten und deutscher Herkunft waren, ihre Heimat verlassen mussten. Zum Teil flüchtete die Bevölkerung mehr oder weniger eigenständig, nach Kriegsende jedoch vertrieb man diese Menschen im großen Stil aus ihrer Heimat und brachte sie nach Deutschland. Dabei wurden Familien und Freunde auseinander gerissen, und die Menschen war plötzlich in einem fremden Land, hatte keine Arbeit, kaum Besitz. Die in Deutschland lebende, ohnehin schon arme Bevölkerung, war den Heimatvertriebenen oftmals feindlich und abweisend gesinnt, denn nun mussten noch mehr hungrige Menschen versorgt werden.

Für mich ist dieser Teil der Geschichte von besonderer Bedeutung, denn ich selbst habe einen persönlichen Bezug dazu. Mein Großvater, auch in Anger lebend, ist einer dieser Heimatvertriebenen aus dem Sudetenland. Folgender Beitrag steht beispielhaft für jene 12 Millionen Menschen, die aus ihrer Heimat nach Kriegsende ausgewiesen  und vertrieben wurden.

Ausgangslage

Graslitz (tsch. Kralice) ist eine Stadt im Bezirk Falkenau (tsch. Sokolov)  in der Region Karlsbad (Karlovarský kraj) im Westen Tschechiens. Bis 1940 war die Stadt fast ausschließlich von Deutschböhmen besiedelt und hatte im Jahr des Kriegsbeginns 1939 fast 13.000 Einwohner. Bekannt war Graslitz vor allem für den Musikinstrumentenbau, welcher in der Region allgemein weite Verbreitung fand.

Nach dem Münchner Abkommen vom September 1938 und dem daraus resultierenden Anschluss des Sudetenlandes an Deutschland, wurden während des Kriegs viele Sudetendeutsche eingezogen und an die Front beordert. 1945 wurde auch der Vater meines Großvaters eingezogen (mein Opa war zu dieser Zeit 8 Jahre alt) und fiel kurze Zeit darauf im Südosten des heutigen Polens, mit nicht einmal 30 Jahren.

Ausgrenzung und Vertreibung

Gegen Kriegsende marschierte die Tschechische Armee in Graslitz ein, so wie auch in vielen anderen Städten im Sudetenland . Die deutschsprachige Bevölkerung Graslitz´ hatte dadurch sehr zu leiden, sie wurde zunehmend ausgegrenzt, konnte kaum noch Lebensmittel kaufen. Die tschechische Bevölkerung von Graslitz stieß sie aus dem Stadtleben aus und erschwerte die kriegsbedingt ohnehin schon prekäre Versorgungslage für die Sudetendeutschen enorm.

Zugangsstraße zum ehem. Lager der Tschechischen Armee

Bereits 1945 wurde mit der Aussiedlung von Deutschböhmen begonnen. Meinen Großvater erwischte es im Mai 1946: seine Mutter erhielt einen Bescheid, der besagte, sie müssen sich in drei Tagen im Lager der Tschechischen Armee einfinden, mit maximal 25 Kilogramm Gepäck pro Person, den Rest hätten sie zurückzulassen. Die Alten durften bleiben, so auch der Ur-Großvater meines Opas, den er nie wieder sah. Als sich die Familie drei Tage darauf im Lager einfand, wurden sie durchsucht, und alles, was den Soldaten brauchbar oder wertvoll erschien, wurde einkassiert. Soldaten wiesen ihnen eine Baracke zu, in der sie einige weitere Tage verbrachten. Als es soweit war, wurde mein Opa, seine Mutter und seine Schwester zum Bahnhof gebracht und in einen Viehwagon zusammen mit vielen anderen gesperrt. Anschließend verschlossen und versiegelten tschechische Soldaten ihn, und schon setzte sich der Zug in Bewegung, das Ziel: Unbekannt.

 

Die Fahrt in die “neue Heimat”

Während der mehrtägigen Fahrt gab es weder zu Essen noch zu Trinken und auch keine Möglichkeit, seine Notdurft zu verrichten, außer auf dem Boden des Viehwagons. Dementsprechend kann man sich vorstellen, welch ein Zustand dort herrschte: die Menschen hungerten, waren dehydriert, froren und überall stank es nach Fäkalien. Eine grausige Situation. Hinzu kam noch diese Ungewissheit: Wurde man nach Russland gebracht? In die Östliche Besatzungszone? Oder in den Westen? Erst als beim Grenzübergang in die US-Amerikanische Besatzungszone die Versiegelung aufgebrochen wurde, hatten die Insassen Gewissheit: sie waren im Westen und allgemeine Erleichterung machte sich breit. Über viele Verteilungsstationen wurden sie schließlich nach Piding (Landkreis Berchtesgadener Land) gebracht. Dort untersuchte man sie auf Läuse und andere Krankheiten, auch wurden ihnen Lebensmittel gegeben.

Nach mehreren Tagen im Auffanglager Piding wurde mein Großvater mit Mutter und Schwester nach Bad Reichenhall (ebenso Landkreis BGL) gebracht, der ihnen zugewiesenen neuen Heimat. Glücklicherweise gelang es meinem Großvater und seiner Familie schnell, sich zu integrieren und Arbeit zu finden, arm waren sie trotzdem. Über die Jahre hinweg bauten sie sich jedoch den Grundstein für ein neues Leben auf und wurden Teil der Reichenhaller Stadtbevölkerung.

 

Gesamtüberblick über die Vertreibung und Blick auf das Heute

Insgesamt  wurden aus Graslitz ungefähr 6000 Sudetendeutsche vertrieben, bis die Tschechische Regierung im Jahr 1947 die von ihnen angeordnete Vertreibung stoppte, denn es fehlten schlicht und ergreifend Arbeitskräfte und etliche Gebäude standen leer. Zu dieser Zeit befanden sich jedoch nur noch 500 Sudetendeutsche in Graslitz, das Gros war bereits vertrieben worden. Heute leben dort noch 6200 Menschen, die Hälfte der Einwohnerzahlen von 1940, Tendenz sinkend.

Heute ist mein Großvater (Jahrgang 1937) 81 Jahre alt und erfreut sich besten Lebensbedingungen und bester Gesundheit. Auch wenn das, was ihm widerfahren ist, schon 72 Jahre zurückliegt, war die Vertreibung aus seiner Heimat Graslitz ein einschneidendes, grausiges und lebensveränderndes Ereignis, welches er niemals vergessen wird – genauso wie die anderen Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat vertrieben worden sind oder vor Gewalt, Hunger und Tod flüchten mussten.

 

 

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