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9. November:”Schicksalstag” der Deutschen (1)

Dieser Beitrag widmet sich dem 9. November, dem “Schicksalstag der Deutschen”.

Es ist nur ein Tag im Jahr, und noch dazu nichteinmal ein Feiertag in Deutschland: der 9. November. Dennoch ist dieser Tag vor allem für die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung. Genau an diesem einen Tag passierten so viele wichtige Ereignisse, um im Folgenden nur ein paar von ihnen zu nennen: Im Jahr 1918 etwa wird an diesem Tag im Rahmen der Novemberrevolution die Deutsche Republik ausgerufen. Fünf Jahre später, am 9. November 1923 ereignet sich der Hitler-Ludendorff-Putsch in München. Im Jahr 1938 finden an diesem Tag die Novemberpogrome ihren traurigen Höhepunkt. Und in der Nacht zum 9. November 1939 verübte Georg Elser ein Attentat auf Adolf Hitler und führende Parteifunktionäre, welches jedoch scheiterte.

Doch warum fallen diese Ereignisse – positiv wie auch negativ – auf dieses Datum? Tatsächlich scheinen sie auf den ersten Blick relativ wenig miteinander zu tun zu haben. Bei genauerer Betrachtung stellt man jedoch fest, dass sie sehr wohl in einem engen Zusammenhang stehen. In diesem Beitrag werde ich mich auf die ersten beiden dieser zuvor genannten Ereignisse konzentrieren, der Zweite Beitrag zu diesem Thema wird sich dann den Novemberpogromen und dem Attentat von Georg Elser widmen. Natürlich gab es noch weitere wichtige Ereignisse der Deutschen Geschichte, die an diesem Tag stattfanden. Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Mauerfall (9.11.1989). Doch dieser steht in keinem Zusammenhang mit den übrigen Ereignissen und ist deshalb nicht Teil dieses Beitrags.

 

1918: Scheidemann & Liebknecht rufen die Republik aus

Im November 1918 herrschen chaotische Zustände in Teilen Deutschlands, denn die Novemberrevolution ist mitten im Gange. Unmittelbar ausgelöst wurde sie durch einen Flottenbefehl am 24.10.1918, welcher vorsah, die deutsche Marine in ein letztes Gefecht mit der British Royal Navy, und damit in den relativ sicheren Untergang zu schicken. Denn in diesen Tagen war die Kriegsniederlage Deutschlands bereits so gut wie besiegelt. Die Matrosen und einige Marineoffiziere weigerten sich jedoch, diesen Befehl auszuführen, und so kam es zum berühmten Kieler Matrosenaufstand, welcher sich am 3.11.1918 ereignete. Dieser brachte das Fass, welches mit Unmut, Unzufriedenheit und Leid der Bevölkerung gefüllt war, endgültig zum Überlaufen und mündete in eine Revolution, welche das ganze Reich erfasste.

Staatsoberhaupt war zu diesem Zeitpunkt immer noch Kaiser Wilhelm II., aber nur noch der Form nach. Die eigentliche Macht hatte die Oberste Heeresleitung rund um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Doch durch die losbrechende Revolution erkannten auch sie, dass sie ihre Macht auf Dauer nicht halten würden können. Reichspräsident Friedrich Ebert (SPD) übernahm nun die Geschicke des bröckelnden Reiches und versuchte zu retten, was zu retten war.

Ausrufung der parlamentarischen Republik durch Scheidemann

Ausrufung der Republik durch Scheidemann

Als die SPD am 9. November schließlich zum Generalstreik aufrief, entschied sich Philipp Scheidemann kurzerhand, die Deutsche Republik vom Balkon des Reichstages aus auszurufen. Dies tat er ohne jegliche Befugnis und ohne das Wissen Eberts, welcher die Wahl der Regierungsform einer Versammlung überlassen hätte. Doch Scheidemann hatte erfahren, dass Karl Liebknecht dasselbe vorhatte, und wollte ihm zuvorkommen. Darüber hinaus hatte Kaiser Wilhelm II. zu diesem Zeitpunkt immer noch nicht abgedankt. Dennoch entfaltete diese Ausrufung der parlamentarischen Republik seine gewünschte Symbolkraft und die Nachricht über das Ende der Monarchie verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Vössische Zeitung schreibt am 9.11.1918 folgendermaßen:

„Wir haben auf der ganzen Linie gesiegt, das Alte ist nicht mehr. Ebert ist zum Reichskanzler ernannt, dem Kriegsminister ist der Abgeordnete Leutnant Göhre beigeordnet. Es gilt nunmehr, den errungenen Sieg zu festigen, daran kann uns nichts mehr hindern. Die Hohenzollern haben abgedankt. Sorgt dafür, daß dieser stolze Tag durch nichts beschmutzt werde. Er sei ein Ehrentag für immer in der Geschichte Deutschlands. Es lebe die deutsche Republik.“

Ausrufung der sozialistischen Republik durch Liebknecht

Karl Liebknecht

Weniger wirkmächtig hingegen war die ca. zwei Stunden später erfolgte Ausrufung der freien sozialistischen Republik Deutschlands durch Karl Liebknecht vor dem Berliner Stadtschloss. Der Führer des Spartakusbundes wollte eine Republik nach Vorbild des sozialistischen Sowjetrusslands errichten, scheiterte im Endeffekt jedoch. Zwar war beispielsweise München in Folge dessen für einige Monate in der Hand einer Art sozialistischen Diktatur, welche aber letztendlich niedergeschlagen wurde.

Die Folgen der Ausrufung der Republik durch Scheidemann war die Abdankung Kaiser Wilhelms II., das Ende des Ersten Weltkriegs durch die bedingungslose Kapitulation Deutschlands und die Gründung der Weimarer Republik mit liberaler, demokratischer Verfassung. Karl Liebknecht wurde zusammen mit Rosa Luxemburg am 15. Januar 1919 ermordet.

 

1923: Der Hitler-Ludendorff-Putsch

Anlässlich des fünften Jahrestages der Ausrufung der deutschen Republik plant der bis zu diesem Zeitpunkt auf nationaler Ebene relativ unbekannte Parteichef der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) Adolf Hitler einen Putsch. Denn dieser ist – gelinde ausgedrückt – völlig unzufrieden mit der Regierung der Weimarer Republik. Oder generell gesagt: mit der Regierungsform Republik im Allgemeinen, was im Fall Hitlers durch weitere Dinge, wie den “Schandfrieden von Versailles” und die bedingungslose Kapitulation trotz des “im Felde unbesiegten Heeres” noch weiter verstärkt wurde.

Mit dieser Meinung ist er zu dieser Zeit nicht allein, und so versammelt er am 8. und 9. November des Jahres 1923 Unterstützer und Gleichgesinnte um sich, um durch einen Putsch die parlamentarische Demokratie zu beseitigen. Mit ihm an vorderster Stelle befinden sich Erich Ludendorff, ehemals Teil der Obersten Heeresleitung (OHL) im Ersten Weltkrieg und der spätere Chef der Luftwaffe, Hermann Göring. Ausgehend vom Münchner Bürgerbräukeller, wo sie eine Rede von Gustav von Kahr, einem Mitglied des Bayerischen Parlaments, stürmten, wollten sie die Regierung Bayerns außer Gefecht setzen.

Noch in der gleichen Nacht nahmen rund 30 SA-Mitglieder den Bayerischen Ministerpräsidenten Eugen von Knilling, sowie weitere Politiker gefangen. Sie wurden in der Villa eines Sympathisanten der NSDAP festgesetzt. Noch in der Nacht auf den 9. November warnt der ebenfalls involvierte Ernst Röhm vor dem Scheitern des Putschversuches, und will sogar aufgeben. Denn Gustav von Kahr widerruft die von ihm zuvor unter Erpressung erwirkte Zustimmung zum Putsch Hitlers. Doch als er im Rundfunk spricht, haben viele Redaktionen bereits geschlossen. Darüber hinaus hören nur wenige – vor allem bedingt durch die Uhrzeit –  sein Appell. Daraus ergibt es sich, dass am nächsten Tag viele Zeitungen vom Erfolg des Putsches berichten, obwohl dies nicht der Wahrheit entspricht.

Der Marsch

Rede von Julius Streicher auf dem Marienplatz während des Putsches (CC BY-SA 3.0.de)

Am folgenden Tag findet ein Marsch durch München statt. Zunächst kann die Bayerische Polizei den Marsch nicht stoppen, doch vor der Feldherrnhalle kommt es zum Schusswechsel, bei dem einige Polizisten getötet werden. Auch unter den Putschisten gibt es Tote, und Hitler selbst kommt nur durch den Einsatz seines Leibwächters mit dem Leben davon, welcher sich vor Hitler wirft und – getroffen von elf Kugeln – schließlich zu Boden geht. Auch Hermann Göring wird verwundet, überlebt jedoch. Mit diesem Schusswechsel scheiterte der Putsch schlagartig und die Beteiligten, wie auch zahlreiche Schaulustige, fliehen in alle Richtungen davon.

Das letztendliche Ziel Hitlers, ein Marsch auf Berlin nach dem Vorbild von Benito Mussolinis Marsch auf Rom scheiterte krachend. Hitler selbst wurde im Jahr 1924 wegen Hochverrats angeklagt und zu 3 Jahren Festungshaft verurteilt. Wegen guter Führung wurde er jedoch bereits nach 9 Monaten aus der Haft entlassen, doch hatte er währenddessen genug Zeit, um sein Buch “Mein Kampf” zu diktieren. Erich Ludendorff wurde in diesem Prozess freigesprochen. Insgesamt fielen die Urteile sehr milde aus, wobei man anfügen muss, dass die Justiz zur damaligen Zeit auf dem “rechten Auge quasi blind” war.

Hitler erkannte in Folge dessen, dass er durch plumpe Gewalt und ungebändigten Willen nicht weiterkommen würde. Zum Verhängnis vieler veränderte er sein Auftreten in der Öffentlichkeit grundlegend, wodurch es ihm letztendlich gelang, an die Macht zu gelangen.

⇒ Passende Literatur zu diesem Thema: Am 9. November. Innenansicht eines Jahrhunderts*

Abschließendes

Wie man an diesen beiden Beispielen gesehen hat, gibt es durchaus etwas Verbindendes zwischen dem Ereignis der Ausrufung der Republik 1918 und dem Hitler-Ludendorff-Putsch 1923. Der “Schicksalstag der Deutschen” verbindet jedoch noch mehr Ereignisse miteinander, und wie wir im Zweiten Artikel zu diesem Thema sehen werden, sind auch die Novemberpogrome 1938, sowie das Datum des Georg Elser Attentats nicht zufällig an diesem Datum gewählt.


 

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